Mensch ärgere Dich nicht (auf Niederländisch)

Seit meiner Kindheit erinnere ich mich gerne an dieses schöne Gesellschaftsspiel. Es hat immer viel Spaß gemacht, man braucht etwas Glück und, sollte die eigene Spielfigur von der Spielfigur eines weiteren Mitspielers während des Umlaufs geschlagen werden und muss zurück auf´s Häuschen und beginnt dort von Neuem, bedarf es einer gewissen Frustrationstoleranz.

Nach drei sehr schönen Tagen in Amsterdam, mit viel Sightseeing und Grachtenrundfahrten, haben wir uns auf den Weg Richtung Süden gemacht und haben die „Staande Mastroute“ ausgewählt. Diesmal haben wir in der Amsterdam Marina einen erfahrenen niederländischen Segler, der in der benachbarten Box gelegen hat, gefragt, in der deutschen Literatur sei zu lesen, dass die Route direkt durch Amsterdam gesperrt ist, man die westlichere Route aber problemlos nutzen kann. Er hat es online in seiner niederländischen App kontrolliert und nachgelesen – kein Problem, Ulysses, du kannst die westliche Route der Staande Mastroute befahren. Übrigens ein wirklich netter Segler, er ist mit seiner Frau unterwegs und hat das Boot vor 2 Jahren im Mittelmeer gekauft, und dann mit Skipper in 9 Tagen von Portugal bis Amsterdam überführt, Respekt! Wir haben die 3 Tage in der Amsterdam Marina unter anderem dazu genutzt und wollten Wäsche waschen, du brauchst dafür eine App und los geht´s. Leider scheiterst du als Deutscher nach der Anmeldung und Eingabe all deiner Daten daran, dass du keine niederländische Bankverbindung hast. Schöne neue Welt, aber nur für Niederländer, Münzen oder andere Bezahlmethoden gehen nicht. Unser Nachbarskipper hat das irgendwie mitbekommen und uns sofort mit seinem Handy die Waschmaschine und den Trockner freigeschaltet, sehr nett und hilfsbereit, nun haben wir wieder saubere Wäsche und alle notwendigen Informationen zur Staande Mastroute.

Wir brechen am Samstag, 25.05.2024 früh morgens und guter Dinge auf und gehen auf die Staande Mastroute. Man fährt durch die wirklich reizvolle holländische Landschaft (jetzt darf man Holland sagen) und meist klappt das mit der Öffnung der Brücken recht gut. Probleme bereiten tatsächlich immer nur die Brücken der Eisenbahn oder Autobahn, hier erfolgt oft nur 4- bis 6-mal am Tag eine Öffnung, also kann es zu Wartezeiten kommen. Aber diese Wartezeit kann man mit der Zubereitung von Cappuccino oder einer Mahlzeit gut überbrücken. Und irgendwann bildet sich ein „Pulk“ von mehreren Booten, mit denen man dann gemeinsam die Route befährt und man lernt sich sogar ein wenig kennen, eben immer die Fragen nach dem „Woher“ und „Wohin“. So lernen wir ein nettes Ehepaar im Rentenalter aus Florida kennen, er wurde in Amerika geboren, lebte aber seit seiner frühen Kindheit 38 Jahre in Holland und dann fast 40 in Florida. Jetzt war es am Ende seines Lebens sein großer Wunsch und Traum mit einem Segelboot Holland zu bereisen, also hat er sich einen Motorsegler als Zweimaster in Holland gekauft und sich zusammen mit seiner Frau auf den Weg gemacht. Bisher war die Reise von einigen technischen Problemen geprägt, die Ruderanlage, die Elektrik und die Besegelung machen Problem. Seine Frau träumt davon mit dem Boot in die Karibik zu gehen (das sehen wir derzeit noch nicht).

Übrigens gefällt uns gleich am späten Vormittag der Ort Haarlem sehr gut. Die Staande Mastroute mäandert sich durch die Altstadt und es sieht aus wie Amsterdam verkleinert, sehr hübsch und holländisch. Am Abend übernachten wir in Oude Wetering an einer Kaimauer, durch die viele Warterei an einigen Brücken, haben wir nicht so viel Strecke geschafft, wie wir uns vorgenommen hatten, also gehen wir am kommenden Morgen gleich um 7 Uhr los. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an eine Brücke und warten auf Öffnung. An dieser Brücke steht auf einem Display auf Niederländisch irgendetwas zur Eisenbahnbrücke in Gouda. Ich höre zufällig, dass jemand am Funk unseren Bootsnamen “Ulysses“ ruft. Wie sich raus stellt, die Gesellschaft, die einen Teil der Brücken betreibt. Ich antworte:

Skipper: Station calling Ulysses

Operator: Ulysses, what´s your intention?

Skipper: We want to go to Rotterdam

Operator: What is your height?

Skipper: 21 Meter

Operator: The „spoorbrug“ (Niederländisch für: Eisenbahnbrücke) in Gouda is up to the 30. May out of order. The alternative route is only for boats with a height to 6 Meter.

Skipper: Oh no Sir, so we can´t go to Rotterdam?

Operator: No, it´s not posible up to the 30. May.

Skipper: So we must go back to Amsterdam???

Operator: It looks like this.

Skipper: Ok, Sir, thank you for this information, have a good watch.

Wir sind alle wie elektrisiert. Wir sitzen das 2. Mal auf der Staande Mastroute in der Mausefalle. Dürfen die gesamte Tagesetappe bis Amsterdam zurückfahren. Das nenne ich: Mensch ärgere Dich nicht auf Niederländisch. Man braucht eine gehörige Portion Frustrationstoleranz!!!

Wir machen erst einmal fest und trinken einen Cappuccino. Ich studiere den Revierführer zur Staande Mastroute, kein Hinweis nix. Nch langer Suche im Internet bekommen wir raus, dass die Brücke in Gouda wegen dringender Wartungsarbeiten vom 23.05. bis 30.05. voll gesperrt ist, Klasse, genau unser Zeitfenster. Nach kurzer weiterer Überlegung, Studium aller Seekarten, Revierführer und Windvorhersagen fasse ich folgenden Plan:

Zurück nach Amsterdam, genauer Ijmuiden (da ist der Tiefwasserhafen vor Amsterdam an der Nordsee), dort übernachten wir und springen am kommenden Tag über die Nordsee nach Lowestoft (UK). Nur für diesen einen Tag ist guter Wind aus Süd, mit 5 Bft angesagt, damit kann man diesen langen Schlag (ca. 110 Nm) rechnerisch in 18 Stunden schaffen. Hardcore, aber machbar.

Wie beschließen diesen Plan und drehen um, eine Tagesreise zurück bis Ijmuiden. Nach wenigen Meilen kommt uns das amerikanische Ehepaar mit dem Motorsegler entgegen, wir rufen Ihnen die Brückensperrung zu, sie sind völlig schockiert, kommen zu uns und wollen jetzt wohl das Boot liegen lassen, sie haben am 31.05. einen Rückflug in die USA gebucht und wollten bis dahin das Boot in Ordnung gebracht haben. Das wird nun nichts. Einem weiteren deutschen Segler, der uns eine Stunde später entgegen kommt rufen wir die Sperrung zu, wir hören nur noch seinen Ausruf: Oh nein, was für eine Schei…..

Vor der nächsten Brücke haben wir eine längere Wartezeit und legen uns an den Warteponton, vor ein kleines Segelboot, eine 5 Meter lange „Jeanneau“, sichtbar alt und gebraucht, aber schwimmfähig. Ich musste etwas in die Heckleine eindampfen und die Jeanneau schuckelte recht stark in meinem Schraubenwasser, als plötzlich aus der Jeanneau der Skipper aus der Kajüte hervorschaute, wohl um zu prüfen, was ihn gerade so durchschaukelt. Wie sich später heraus stellte war das Jean-Paul, ein Afro-Niederländer, optisch erinnerte er mich sofort an diese Verkäufer, die dir in Südeuropa oder auf den Kanaren am Strand nachgemachte Rolex-Uhren, Handtücher, Handtaschen oder ähnliches verkaufen wollen: beste Preis, du machen billiger. Er hat immer einen Lolly im Mundwinkel, singt viel, lacht viel und immer gut gelaunt. Aber auch irgendwie ein „Schwerenöter“, seine Freundin hat ihn wohl vor 4 Wochen aus der gemeinsamen Wohnung rausgeschmissen, er hat sich dann für 1.000 Euro diese 5-Meter-Jeaneau gekauft, um dieses Boot nach Amsterdam zu überführen. Dort will er auf dem Boot leben und in Amsterdam arbeiten, sein Glück versuchen.

Plötzlich geht die Brücke auf und wir fahren durch. An der nächsten Brücke warten wir unendlich lange, als Jean-Paul mit seinem Boot angetuckert kommt, werden wir gemeinsam durchgelassen. An der übernächsten Brücke dasselbe Spiel, ich rufe Jean-Paul zu, er möge mal schneller als nur 3 Knoten fahren. Jean-Paul sagt, das geht nicht schneller. An der dritten Brücke wird mir das Spiel nun zu viel, wir müssen im Kanal eine Ecke vor Ijmuiden bis 19 Uhr die letzte Brückenöffnung schaffen, sonst sitzen wir das 3. Mal in der Mausefalle. Ich rufe Jean-Paul zu, dass er nun „Tow Assistance“ von der Ulysses bekommt. Das versteht er sofort und freut sich wie ein kleiner König. Ruck zuck haben wir eine lange Leine ausgebracht und haben die Jeanneau im Schlepp. Jetzt kommen wir mit knapp 6 Knoten voran und Jean-Paul lacht abwechselnd, singt, spielt an seinem Handy, ist einfach nur happy und war wohl noch nie so schnell mit seinem Boot unterwegs. Und das erstaunlichste, irgendwann haben die Brückenwärter mitbekommen, dass wir als Schleppverband unterwegs sind und wir bekommen sofortige Öffnung, ohne, dass wir spürbar Fahrt rausnehmen müssen. Jetzt kommen wir wie im Express voran, die Brücken fliegen nur so an uns vorbei. Vor Haarlem werden von Haarlem-Port angefunkt, wie weit wir fahren wollen? Bis nach Ijmuiden, ja kein Problem, man sagt allen Brücken und Schleusen Bescheid. So gefällt uns das. Die Touristen in Haarlem haben sich zum Teil amüsiert, zum Teil die Augen gerieben, eine deutsche Yacht mit einem singenden Afro-Niederländer im Schlepp mit knapp 6 Knoten durch Haarlem´s Altstadt.

Kurz vor Ijmuiden, verabschieden wir uns von Jean-Paul, er hat unterwegs für uns ein Armband aus roten Glasperlen geknüpft, dass er uns aus Dankbarkeit schenkt, er geht dann bald nach Steuerbord Richtung Amsterdam, wir gehen nach Backbord Richtung Ijmuiden, wo wir gegen 20.30 Uhr durch die Seeschleuse gehen (vergleichbar mit Brunsbüttel am NOK). Wir sind sicher, Jean-Paul hatte nicht genug Sprit dabei und hätte ohne unsere Schlepphilfe den Weg nach Amsterdam nicht geschafft. Wir haben seine Telefonnummer, vielleicht besuchen wir ihn auf unserem Rückweg, irgendwie haben wir ihn liebgewonnen. Er wird in Amsterdam sein Glück finden?!

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